Mehr Schein als Sein

Namaste und herzlich willkommen zu Davesyndrom.

Zwei Jahre sind es her, seitdem ich das letzte Mal einen Blog geschrieben habe.

Zwei Jahre.

Viel Zeit, die vergangen ist.

Und heute weiss ich ehrlich gesagt gar nicht so recht, wo ich anfangen soll. Ich weiss nur, dass ich wieder dieses Bedürfnis habe, zu schreiben. Meinen Frust, meine Gedanken, das Chaos in meinem Kopf irgendwie aufs Papier zu bringen.

Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb dieser Blog damals überhaupt entstanden ist.

Seit August 2024, seit meinem letzten Post, ist einiges passiert.

Ich habe meine kaufmännische Lehre abgeschlossen, arbeitete danach in einer Notfallaufnahme, versuchte mich als Gefängniswärter und bestand dort die Probezeit nicht. Danach wechselte ich in ein Asylzentrum und arbeitete kurz als Sicherheitsmitarbeiter und selbst kündigte, weil dieses Arbeitsverhältnis für mich teilweise auf purer Ausbeutung beruhte.

Beruflich hat sich also einiges getan.

Und irgendwo zwischen Arbeit, Verantwortung, Bewerbungen, Rechnungen und diesem ganzen Erwachsenwerden wurde ich immer mehr zu diesem jungen Mann, bei dem es nach aussen vielleicht so aussieht, als hätte er sein «Leben im Griff».

Aber habe ich das wirklich?

Oder ist auch das nur eine Fassade?

Wieso habe ich eigentlich so lange nichts mehr geschrieben?

Wurde ich plötzlich von meinen psychischen Krankheiten geheilt?

Bin ich glücklich?

Ich weiss es selbst nicht.

Irgendwie habe ich einfach gelebt.

Gelebt zwischen Höhen und Tiefen. Zwischen Phasen, in denen ich dachte, dass ich endlich stabil bin, und Momenten, in denen ich wieder in ganz, ganz dunkle Gedanken und Selbsthass gefallen bin.

Oder bin ich mittlerweile einfach abgestumpft?

Eine Tragödie.

Ich kenne mein eigenes Muster inzwischen fast zu gut.

Wenn ich eine Phase der Glückseligkeit habe, weiss ich irgendwo im Hinterkopf bereits:

Der Fall wird wieder kommen.

Und dieser Fall ist wieder da.

Seit einigen Wochen.

Ich weiss mittlerweile ziemlich gut, was ich tun kann, damit sich mein Zustand zumindest nicht noch weiter verschlimmert.

Aber aktiv etwas dagegen unternehmen?

Schwierig.

Vielleicht gerade deshalb, weil ich dieses Muster mittlerweile so gut kenne.

Dieses ewige Hin und Her.

Zwischen Lachen und Trauer.

Zwischen Hoffnung und Selbsthass.

Zwischen Energie und dieser endlosen Müdigkeit.

Nur eines weiss ich:

Auch das ist vergänglich.

Und auch ich werde wieder lachen.

Irgendwie traurig, nicht?

Heute möchte ich aber über etwas anderes schreiben.

Über Missbrauch.

Über meine Kindheit.

Und über meinen Vater.

Meinen Vater.

Meinen Helden – wie ich zumindest lange dachte.

An dieser Stelle also eine Triggerwarnung.

Über die letzten Jahre habe ich einiges gelernt.
Vor allem habe ich gelernt, dass ich mich nicht für immer hinter meiner schlechten Kindheit verstecken möchte. Ich möchte nicht mein gesamtes Leben damit verbringen, auf das zu zeigen, was andere Menschen mir angetan haben. Ich möchte nicht in Selbstmitleid versinken und jede meiner Entscheidungen mit meiner Vergangenheit rechtfertigen.

Ich möchte meinen eigenen Weg gehen.

Teil dieser Gesellschaft sein.

Ein selbstbestimmtes Leben führen.

Mit dem Ziel von psychischer Stabilität, Glückseligkeit und vielleicht irgendwann sogar so etwas wie innerem Frieden.

Das bedeutet aber nicht, dass ich das, was passiert ist, schönreden möchte.

Nein.

Es bedeutet lediglich, dass ich mich dafür entscheide, mich heute für mich selbst zu entscheiden.

Und dann kam Ende 2025.

2026 ist, so glaube ich, eines der seltsamsten Jahre, die ich seit langer Zeit erlebt habe. Denn Ende 2025 wurde ich mit einer Wahrheit konfrontiert, die mein Bild von einem Menschen komplett zerstört hat.

Von meinem Vater.

Der Mann, zu dem ich als Kind aufsah. Mein Vater war charmant. Humorvoll. Gut zu anderen Menschen. Und in meiner damaligen Wahrnehmung war er der Unschuldige in der ganzen Geschichte. Bis zu seinem Tod im Jahre 2015 pflegte er nach aussen das Bild eines guten Menschen.

Seine moralischen Vorstellungen. Seine ethischen Werte. Sein Auftreten. Sein Beruf als Sozialarbeiter. Alles vermittelte mir das Bild eines Mannes, zu dem man aufschauen konnte. Heute sehe ich ihn anders.

Heute weiss ich, dass dieses Bild zumindest in grossen Teilen nicht der Wahrheit entsprach. Er war mein Held.

Heute denke ich: Er war ein Monster. Er war ein Versager.

Zehn Jahre lang habe ich um diesen Menschen getrauert.

Zehn Jahre.

Ich habe ihn vermisst. Ich habe über seinen Tod nachgedacht. Ich habe sein Bild in meinem Kopf weitergetragen.

Und heute bin ich froh, dass er nicht mehr da ist.

Allein diesen Satz zu schreiben, fühlt sich seltsam an.

Vielleicht sogar grausam.

Aber es ist die Wahrheit.

Und vielleicht ist genau das eines der Dinge, die ich in den letzten Jahren verstanden habe: Menschen sind nicht immer das, was sie nach aussen darstellen. Manche Menschen leben in einer Scheinwelt. Andere bauen sich eine Fassade. Und manchmal glauben sie vermutlich sogar selbst an diese Fassade.

So wie mein Vater.

So wie es viele Menschen tun.

Und wenn ich ganz ehrlich bin: Vielleicht auch so, wie ich es selbst schon getan habe. Denn auch ich könnte nach aussen vermutlich den Eindruck vermitteln, ein «guter Mensch» zu sein.

Ich schreibe über psychische Gesundheit.

Ich teile Gedanken auf Social Media.

Ich rede über Selbstreflexion, Heilung und Menschlichkeit.

Aber was ist, wenn ich euch sage, dass auch ich Dinge getan habe, für die ich mich schäme?

Ich habe bereits als Kind erlebt, wie es ist, wenn ein Elternteil fremdgeht und Affären hat. Und trotzdem bin ich später meiner ersten Liebe selbst fremdgegangen. Ich war jung. Aber ich habe es getan. Und ich schäme mich bis heute dafür.

Vielleicht ist genau das der Punkt: Menschen sind kompliziert. Die Welt ist kompliziert. Gut und Böse lassen sich nicht immer so sauber voneinander trennen, wie wir es gerne hätten. Jeder Mensch trägt Dinge in sich, die er nicht nach aussen zeigt. Fehler. Gedanken. Scham. Dunkle Seiten. Und bis zu einem gewissen Grad ist das vermutlich menschlich. Aber lasst euch nicht täuschen.

Wir leben in einer seltsamen Zeit. Politischer Wandel. Das Internet. Die immer grössere Schere zwischen Arm und Reich. Soziale Medien. Millionen Menschen präsentieren jeden Tag irgendeine Version von sich selbst.

Und manchmal frage ich mich: Wie viel davon ist eigentlich echt? Wie viel davon ist Schein?

Menschen präsentieren sich als moralisch überlegen, engagieren sich öffentlich und stellen andere Menschen gleichzeitig pauschal in Schubladen. «Not all men, but always men.» Und auf der anderen Seite: «Jeder Mensch verdient Liebe.»

Diese Ironie.

Denn was ist, wenn ich euch sage, dass ich beide Seiten kenne? Ich habe massive psychische Gewalt und psychischen Missbrauch durch eine Frau erlebt. Und gleichzeitig wurde ich von Männern sexuell belästigt. Trotzdem entscheide ich mich heute dafür, weder Frauen noch Männer pauschal zu hassen. Ich möchte meine traumatischen Erfahrungen nicht dazu verwenden, Millionen fremde Menschen in dieselbe Schublade zu stecken.

Auch wenn ich genau das zeitweise gemacht habe. Mit 15 Jahren wurde ich in einem Zug von einem Mann sexuell belästigt. Der Zug war nicht leer. Und trotzdem setzte sich dieser Mann ausgerechnet neben mich. Irgendwann begann er, sich selbst anzufassen. Ich war 15. Ich war geschockt. Ich wusste nicht, was ich tun sollte.

Also rief ich die Polizei.

Sie kam nicht.

Man sagte mir sinngemäss, dass man einen fahrenden Zug nicht einfach anhalten könne. Und bis heute lese ich immer wieder in den Medien: «Wenn so etwas passiert, ruft die Polizei.» Später erlebte ich dann auch noch etwas, das sich für mich wie Victim-Blaming anfühlte. Mir wurde gesagt, dass viele Opfer sich nicht die Zeit nehmen würden, eine Aussage zu machen. Wie absurd. Wie lächerlich.

Wir fragen uns, weshalb Opfer schweigen, und gleichzeitig schaffen wir Situationen, in denen sie das Gefühl bekommen, dass ihre Erfahrung kaum der Mühe wert ist. Wie viele Täter laufen wieder frei herum, weil irgendwann jemand entscheidet: «Diese Person stellt keine Gefahr für die Gesellschaft mehr dar.»

Ja. Ich war traumatisiert. Und ja: Für eine gewisse Zeit entwickelte ich sogar eine Abneigung gegen Männer, die diesem äusserlichen Bild entsprachen.

Dick. Weiss. Alt.

So wie mein Vater.

Und dann kam Ende 2025.

Plötzlich wurde alles noch komplizierter.

Ich hatte Dinge vor mir, aufgrund derer für mich klar wurde, dass mein Vater pädophile Neigungen hatte.

Und plötzlich – plötzlich machte vieles Sinn.

Dinge aus meiner Kindheit, die ich damals irgendwie als komisch empfunden hatte, bekamen Jahre später eine komplett andere Bedeutung. Es machte Klick. Auf einmal begann ich, Erinnerungen neu zu betrachten. Situationen neu einzuordnen. Dinge zu hinterfragen, über die ich vorher nie wirklich nachgedacht hatte – oder aufgrund der Trauer – verdrängt hatte.

Zum Beispiel, dass mein Vater mit uns Kindern immer wieder FKK-Strände besucht hatte. Seine Begründung damals: Er wolle uns zeigen, dass jeder Mensch so sei, wie er eben sei. Als Kind hinterfragt man so etwas nicht.

Warum sollte man?

Er war mein Vater.

Mein Held.

Das Problem ist: Heute weiss ich Dinge, die ich damals nicht wusste. Und dadurch verändert sich plötzlich die Vergangenheit. Mein Vater hatte diese Neigung. Davon bin ich aufgrund dessen, was ich gefunden habe, überzeugt. Was ich nicht weiss, ist, ob er jemals selbst aktiv wurde. Ich glaube und hoffe sehr stark, dass dies nicht der Fall war.

Ich hoffe es wirklich.

Aber ich werde es nie wissen.

Und genau das ist vielleicht einer der schwierigsten Teile.

Diese Fragen. «Was, wenn doch?» Was, wenn irgendwann etwas passiert ist? Was, wenn anderen etwas passiert ist? Was, wenn es Dinge gab, von denen ich niemals erfahren werde? Ich versuche, diese Gedanken nicht weiter zufüttern.

Denn wohin führen sie?

Mein Vater ist tot.

Ich kann ihn nicht mehr fragen.

Ich kann ihn nicht konfrontieren.

Ich werde von ihm keine Antworten mehr erhalten.

Was ich aber weiss: Auf seiner Festplatte fand ich Videos, die er aus dem Internet heruntergeladen hatte. Videos von Unschuldigen. Ich habe Dinge gesehen, die ich niemals hätte sehen wollen. Und das hat etwas mit mir gemacht.

Es hat mich erschüttert.

Es hat mich angewidert.

Es hat mich gebrochen.

Nicht nur wegen dessen, was ich gesehen hatte. Sondern auch deshalb, weil in diesem Moment gleichzeitig das Bild meines Vaters zerbrach.

Das Bild eines Menschen, um den ich zehn Jahre lang getrauert hatte.

Eines Menschen, den ich vermisst hatte.

Eines Menschen, zu dem ich als Kind aufgeschaut hatte.

Und plötzlich sass ich da und fragte mich:

Wer war dieser Mensch eigentlich wirklich?

Vielleicht war genau das meine eigentliche Trauer Ende 2025. Nicht noch einmal um seinen Tod. Sondern um die Erkenntnis, dass der Vater, um den ich zehn Jahre lang getrauert hatte, vielleicht in dieser Form niemals existiert hatte.

Heute versuche ich, Frieden zu finden.

Ich möchte dieses Kapitel meiner Kindheit irgendwann ein für alle Mal abschliessen.

Nicht vergessen.

Nicht schönreden.

Nicht verdrängen.

Aber abschliessen.

Meiner Mutter habe ich vergeben.

Für die Gewalt.

Für Fehler.

Für Dinge, die nicht hätten passieren dürfen.

Und ich liebe sie heute.

Mein Vater?

Das ist komplizierter.

Was soll ich machen?

Er existiert nicht mehr.

Ich kann ihn nicht konfrontieren.

Ich kann ihm meine Wut nicht ins Gesicht sagen.

Ich kann nicht fragen:

Warum?

Ich kann keine Erklärung verlangen.

Ich kann ihn nicht zur Verantwortung ziehen.

Alles, was bleibt, sind meine Gedanken.

Und diese Wut.

An manchen Tagen kann ich erstaunlich neutral auf seine Existenz und sein Handeln blicken. Fast schon distanziert.

An anderen Tagen bin ich wütend.

Frustriert.

Angewidert.

Und vielleicht muss ich akzeptieren, dass beides existieren darf. Vielleicht muss ich ihm auch gar nicht vergeben. Vielleicht ist Vergebung nicht immer das Ziel. Vielleicht reicht es irgendwann, wenn seine Taten keine Macht mehr über mein heutiges Leben besitzen. Und vielleicht ist genau das Heilung.

Nicht vergessen.

Nicht verzeihen müssen.

Nicht so tun, als wäre nichts passiert.

Sondern irgendwann sagen zu können:

Es ist passiert.

Es war schlimm.

Es hat mich geprägt.

Aber es bestimmt nicht mehr darüber, wer ich heute sein muss.

Für jede einzelne Person, die das hier liest und etwas Ähnliches erlebt hat: Ich wünsche euch Kraft auf eurem eigenen Weg. Und ja, manchmal erzähle auch ich mir selbst immer wieder, dass alles besser wird. Manchmal glaube ich es.

Manchmal nicht.

Aber wenn ich ehrlich zurückblicke, dann sehe ich:

Es ist besser geworden.

Ich kann es an der Zeit messen.

Ich kann mich mit meinem früheren Ich vergleichen.

Ich bin heute stabiler.

Ich funktioniere besser.

Ich verstehe mich selbst besser.

Und vor allem:

Ich lache wieder.

Nicht immer.

Aber ich lache.

Die Höhen und Tiefen sind noch da.

Vielleicht werden sie auch noch lange da sein.

Und das ist okay.

Vielleicht bedeutet Heilung nämlich gar nicht, dass irgendwann alles verschwindet. Vielleicht bedeutet Heilung nur, dass die Vergangenheit irgendwann nicht mehr jeden einzelnen Schritt der Gegenwart bestimmt.

Also: Nehmt euch in Acht. Haltet die Ohren offen. Vertraut eurem Gefühl. Und steht für euch ein. Lasst euch nicht klein reden.

Ihr seid mehr als das, was euch passiert ist.

Ihr seid mehr als eure Vergangenheit.

Und irgendwann kommt vielleicht der Moment, in dem man sich entscheiden muss:

Lebe ich für immer in dem weiter, was andere Menschen mir angetan haben?

Oder versuche ich trotz allem, mein eigenes Leben zu leben?

Ich versuche Letzteres.

Mal besser.

Mal schlechter.

Aber ich versuche es.

Es ist Zeit, seinen Mann zu stehen.

Und zu leben.

Cheers.